Oberstdorf, Garmisch-Partenkirchen, Innsbruck und Bischofshofen: Vier Schanzen, vier Wettkämpfe und nur wenige Tage zwischen Auftakt und Finale. Die Vierschanzentournee gehört seit mehr als sieben Jahrzehnten zu den traditionsreichsten Wettbewerben des Skispringens.
Der Gesamtsieg verlangt mehr als einen herausragenden Sprung. Wer die Tournee gewinnen will, muss über alle vier Stationen konstant sein – und beim besonderen KO-Modus der ersten drei Springen schon im ersten Durchgang bestehen.
Wie die Vierschanzentournee entstand
Die Geschichte der Vierschanzentournee beginnt Anfang der 1950er-Jahre. Skisprungvereine aus Deutschland und Österreich entwickelten die Idee einer gemeinsamen Wettkampfserie rund um den Jahreswechsel.
Der erste Wettbewerb fand am 1. Januar 1953 in Garmisch-Partenkirchen statt. Es folgten Innsbruck, Oberstdorf und Bischofshofen. Bereits die Premiere war damit ein grenzüberschreitendes Sportereignis.
Aus dieser ersten Ausgabe entwickelte sich eine Tradition, die bis heute Bestand hat. Die Reihenfolge änderte sich: In der modernen Tournee bildet Oberstdorf den Auftakt, anschließend folgen Garmisch-Partenkirchen und Innsbruck, bevor in Bischofshofen die Entscheidung fällt.
Die vier Schanzen der Vierschanzentournee
Der Gesamtsieger muss auf vier unterschiedlichen Anlagen bestehen. Gerade diese Unterschiede sind sportlich relevant: Athleten müssen sich innerhalb weniger Tage auf neue Profile und Bedingungen einstellen.
Schattenbergschanze
Oberstdorf · DeutschlandOberstdorf eröffnet die Tournee. Die große Schattenbergschanze in der WM-Skisprung-Arena setzt unmittelbar zum Auftakt die erste sportliche Standortbestimmung.
Große Olympiaschanze
Garmisch-Partenkirchen · DeutschlandDas traditionelle Neujahrsspringen findet auf der Großen Olympiaschanze statt. Durch seinen festen Termin am 1. Januar besitzt der Wettbewerb weit über die Skisprung-Szene hinaus Bekanntheit.
Bergiselschanze
Innsbruck · ÖsterreichDie Bergiselschanze gehört zu den markantesten Skisprunganlagen der Welt. Für die Springer beginnt in Innsbruck die österreichische Hälfte der Tournee.
Paul-Außerleitner-Schanze
Bischofshofen · ÖsterreichIn Bischofshofen fällt traditionell die Entscheidung über den Gesamtsieg. Nach vier Wettbewerben steht hier fest, wer die Tournee gewinnt.
Wie funktioniert die Vierschanzentournee?
Jedes der vier Springen ist zunächst ein eigenständiger Wettbewerb. Gleichzeitig zählen die dort erzielten Punkte für die Gesamtwertung der Tournee.
Entscheidend ist deshalb nicht die Summe der Platzierungen und auch nicht die Anzahl der Siege. Für die Gesamtwertung werden die Wertungspunkte aus allen Tourneesprüngen addiert.
Die Tournee belohnt damit vor allem Konstanz. Ein Sieg bei einem Einzelspringen ist wertvoll, kann einen misslungenen Wettbewerb aber nicht automatisch ausgleichen.
Das KO-System der Vierschanzentournee einfach erklärt
Eine Besonderheit der Tournee ist das KO-System. Anders als bei einem gewöhnlichen Weltcupspringen bestimmt die Qualifikation nicht nur, wer am Wettbewerb teilnehmen darf. Sie legt auch die Duelle des ersten Durchgangs fest.
So entstehen die Duelle
Die Springer werden anhand ihres Qualifikationsergebnisses gegeneinander gesetzt:
- Platz 1 der Qualifikation trifft auf Platz 50,
- Platz 2 auf Platz 49,
- Platz 3 auf Platz 48,
- und so weiter.
Auf diese Weise entstehen 25 direkte Duelle.
Die 25 Duellsieger qualifizieren sich für den zweiten Durchgang. Hinzu kommen die fünf punktbesten Verlierer – die sogenannten Lucky Loser.
Im zweiten Durchgang treten damit 30 Springer an. Für die Tournee-Gesamtwertung zählen die tatsächlich erzielten Punkte.
Wie wird ein Skisprung bewertet?
Die Punktzahl eines Skisprungs besteht nicht einfach aus der gesprungenen Weite. Mehrere Komponenten fließen in das Ergebnis ein.
Weitenpunkte
Ausgangspunkt ist der K-Punkt der jeweiligen Schanze. Für größere oder kleinere Weiten werden entsprechend Punkte addiert oder abgezogen.
Haltungsnoten
Fünf Wertungsrichter beurteilen unter anderem Flug, Landung und Ausfahrt. Die höchste und die niedrigste Note werden gestrichen.
Windkompensation
Wind kann einen Sprung erleichtern oder erschweren. Das Wertungssystem versucht diesen Einfluss durch Zu- beziehungsweise Abschläge auszugleichen.
Gate-Kompensation
Wird die Anlauflänge verändert, wird auch dieser Vorteil oder Nachteil über entsprechende Punkte berücksichtigt.
Die erfolgreichsten Springer der Vierschanzentournee
Seit 1953 haben einige der größten Namen des Skispringens die Tournee geprägt. Besonders außergewöhnlich ist die Bilanz des Finnen Janne Ahonen.
| Springer | Gesamtsiege | Besonderheit |
|---|---|---|
| Janne Ahonen | 5 | Alleiniger Rekordsieger der Gesamtwertung |
| Jens Weißflog | 4 | Sieger in unterschiedlichen skisprungtechnischen Epochen |
| Helmut Recknagel | 3 | Einer der prägenden Springer der frühen Tournee-Jahrzehnte |
| Bjørn Wirkola | 3 | Gewann die Tournee dreimal in Folge |
| Kamil Stoch | 3 | Gewann 2017/18 alle vier Einzelwettbewerbe |
Auch bei den Einzelsiegen gibt es außergewöhnliche Bestmarken. Bjørn Wirkola und Jens Weißflog gewannen jeweils zehn Tourneespringen.
Der Grand Slam: vier Siege bei einer Tournee
Die maximale sportliche Ausbeute besteht darin, innerhalb einer einzigen Tournee alle vier Einzelspringen zu gewinnen.
Dieses Kunststück gelang erstmals dem Deutschen Sven Hannawald in der Saison 2001/02. Mehr als 15 Jahre blieb er der einzige Springer, der eine Tournee mit vier Siegen abgeschlossen hatte.
| Springer | Tournee | Erfolg |
|---|---|---|
| Sven Hannawald | 2001/02 | Siege in allen vier Springen |
| Kamil Stoch | 2017/18 | Siege in allen vier Springen |
| Ryōyū Kobayashi | 2018/19 | Siege in allen vier Springen |
Ein Grand Slam ist deshalb so selten, weil bereits ein einziger schwächerer Wettkampf die Serie beendet. Vier Siege innerhalb weniger Tage verlangen nicht nur sportliche Spitzenleistung, sondern auch außergewöhnliche Konstanz.
Warum ist die Vierschanzentournee so besonders?
Die Tournee ist kein einzelner Wettkampf und auch keine gewöhnliche Weltcupserie. Ihr Reiz entsteht aus mehreren Faktoren gleichzeitig.
Vier Schanzen in kurzer Zeit
Die Springer müssen sich innerhalb weniger Tage auf unterschiedliche Anlagen einstellen. Eine lange Regenerations- oder Korrekturphase gibt es nicht.
Der Jahreswechsel
Die Wettkämpfe zwischen Ende Dezember und Anfang Januar besitzen einen festen Platz im Wintersportkalender. Besonders das Neujahrsspringen ist eng mit der Tournee-Tradition verbunden.
Das KO-System
Direkte Duelle erhöhen im ersten Durchgang den Druck. Nicht nur die eigene Leistung, sondern auch die Leistung des jeweiligen Gegners entscheidet über den direkten Einzug.
Kaum Raum für Fehler
Da sämtliche Wertungspunkte in die Gesamtwertung einfließen, kann ein misslungener Sprung die Chancen auf den Tourneesieg erheblich reduzieren.
Gerade diese Verdichtung macht die Vierschanzentournee sportlich besonders: Innerhalb weniger Tage müssen Technik, Material, Anpassungsfähigkeit und mentale Stabilität zusammenpassen.
Kurz erklärt
Wie viele Springen hat die Vierschanzentournee?
Vier: Oberstdorf, Garmisch-Partenkirchen, Innsbruck und Bischofshofen.
Wer gewinnt die Vierschanzentournee?
Der Springer mit der höchsten addierten Punktzahl aus allen vier Wettbewerben.
Wer ist Rekordsieger?
Janne Ahonen aus Finnland mit fünf Gesamtsiegen.
Was bedeutet Grand Slam bei der Vierschanzentournee?
Der Sieg bei allen vier Einzelspringen innerhalb derselben Tournee. Sven Hannawald, Kamil Stoch und Ryōyū Kobayashi haben dies geschafft.
Was sind Lucky Loser?
Im KO-System erreichen neben den 25 Duellsiegern auch die fünf punktbesten Verlierer den zweiten Durchgang.
Fazit: Vier Springen, bei denen jeder Punkt zählt
Die Vierschanzentournee verbindet mehr als 70 Jahre Skisprunggeschichte mit einem Wettkampfformat, das Fehler besonders hart bestraft. Oberstdorf, Garmisch-Partenkirchen, Innsbruck und Bischofshofen verlangen jeweils andere Anpassungen – und trotzdem zählt am Ende jeder einzelne Wertungspunkt für dasselbe Ziel.
Genau deshalb ist der Tourneesieg im Skispringen so prestigeträchtig: Nicht ein perfekter Tag entscheidet, sondern vier Wettbewerbe innerhalb weniger Tage.



